Berge im Wandel: Auf allgemein erhöhte Gefahr achten

31.07.2026, 07:45

Nach dem Gletschersturz am Suldenferner: Wissen, Kommunikation und Aufklärung über Risiken im Hochgebirge von grundlegender Bedeutung - Aufruf zu Vorsicht und Eigenverantwortung

Drohnenvermessungen am Ortler (Foto: LPA/Sarah Langes)
Drohnenvermessungen am Ortler (Foto: LPA/Sarah Langes)

BOZEN (LPA). Am 27. Juli ereignete sich am Suldenferner ein großer Gletscherabbruch, weitere Nachbrechen von Eis- und Geröllmassen folgten am Tag darauf. Der Suldengletscher ist mit etwa 4,5 Quadratkilometern der zweitgrößte Gletscher Südtirols. "Der Eissturz hat die Serakwand betroffen, die den vom Suldenjoch herabfließenden Gletscherstrom mit dem Hauptkörper des Suldengletschers verband", berichtet der Direktor des Amtes für Hydrologie und Stauanlagen in der Agentur für Bevölkerungsschutz Roberto Dinale: "Die Gletscher gehen auf jeder Höhenstufe stark zurück. Solche Ereignisse sind zwar markant, gehören jedoch dort, wo es steil herabfallende Eismassen gibt, zur jetzigen Zerfall-Dynamik der Gletscher dazu. Die Hitzewellen dieses Jahres beschleunigen diese Entwicklung und verschärfen die Ereignisse. In den vergangenen Jahrzenten haben wir bereits am Übeltalferner oder am Gepatschferner ähnliche Ereignisse beobachtet. Im ersten Fall spaltete sich die Eiskappe des Sonklars vom Rest des Gletschers ab, im zweiten Fall der Gepatschferner vom Langtauferer Ferner."

Am Berg ist heutzutage eine erhöhte objektive Gefahr gegeben und die Risiken, die direkt von der Natur ausgehen und vom Menschen nicht beeinflussbar sind, sind derzeit überdurchschnittlich hoch. Durch den Klimawandel nehmen die Gefahren, vor allem die Steinschlaggefahr, im Hochgebirge zu. "Wir überwachen die Situation, fokussieren uns aber vor allem auf die eventuelle Gefährdung von anthropisierten Gebieten. Im freien Raum sind allgemein Vorsicht und Eigenverantwortung gefragt", unterstreicht Amtsdirektor Dinale.

Wie bereits vor vier Jahren war auch das heurige Jahr durch geringe Winterniederschläge gekennzeichnet, gefolgt von hohen Temperaturen gegen Ende des Frühlings und nun im Sommer. Diese Bedingungen tragen dazu bei, die Schmelzprozesse des Permafrosts und der Gletscher zu verstärken, die Berge verändern sich rasch und tiefgreifend. Die Aufgabe des Zivilschutzes besteht in erster Linie darin, die Gebiete zu identifizieren, in denen es anthropogene Elemente von vorrangiger Bedeutung gibt, die im Falle von Instabilitätserscheinungen der Gletscher oder der Gletscherseen betroffen sein könnten, und bei Anzeichen davon einen standortspezifischen Ansatz mit schrittweisen Überwachungsmaßnahmen bis hin zur Einleitung von Notfallmaßnahmen umzusetzen. "Zwar richten wir den Fokus besonders auf die Überwachung der Siedlungsräume und kritischer Situationen in stark frequentierten Gebieten, wir appellieren aber gleichzeitig auch an die Eigenverantwortung derjenigen, die sich im Mittel- und Hochgebirge aufhalten", weist Amtsdirektor Dinale hin: "Deshalb sind die ständige Beobachtung des Geländes und ein kontinuierlicher Austausch zwischen den Zivilschutzbehörden und den sich vor Ort befindenden Experten wie Bergführer, Hüttenwirte und Mitarbeiter der Aufstiegsanlagen von grundlegender Bedeutung."

Vor dem Hintergrund großer Veränderungen in den Hochgebirgsregionen und einer Zunahme der Häufigkeit und Intensität von Phänomenen der Destabilisierung in glazialen und periglazialen Gebieten ist es zudem sehr wichtig, sich der Auswirkungen des Klimawandels bewusst zu werden und Maßnahmen zum Selbstschutz zu ergreifen. Daher gilt es, Bergtouren unter Berücksichtigung der aktuellen Klima- und Wetterlage gut zu planen, auf bestimmte Routen zu verzichten und sich auf die ortskundigen Bergführer zu verlassen.

Zusatzinformationen

Risiken im Alpenraum: Dokument zu strategischen Handlungsfeldern

Nach dem verheerenden Gletschersturz an der Marmolata am 3. Juli 2022 wurde auf nationaler Ebene zunächst ein Fachausschuss und anschließend eine Arbeitsgruppe zum Risiko im Zusammenhang mit Instabilitätsphänomenen in glazialen und periglazialen Gebieten eingerichtet. Ergebnis dieser Arbeitsgruppe ist ein nahezu 130 Seiten umfassendes Dokument zu den strategischen Handlungsfeldern in den Bereichen Wissen, Kommunikation und Ausbildung zu Risiken im Alpenraum, zu dem auch das Amt für Hydrologie und Stauanlagen der Agentur für Bevölkerungsschutz beigetragen hat: www.protezionecivile.gov.it/it/pubblicazione/rischio-glaciale-e-periglaciale-ambiente-alpino-un-quadro-metodologico/

Dieses Ende vergangenen Jahres veröffentlichte Dokument dient als Grundlage für die derzeit in Südtirol laufenden Maßnahmen zur Vertiefung des Wissens und zur Ermittlung potenzieller kritischer Situationen, die es besonders zu beachten gilt. Dazu gehören die Aktualisierung des Gletscherkatasters, die regelmäßig von den Experten des Zivilschutzes durchgeführten Flüge zur kontinuierlichen Aktualisierung der Lage, die Kartierung potenzieller kritischer Situationen mithilfe der Fernerkundung, die derzeit in Zusammenarbeit mit Eurac Research durchgeführt wird, sowie die Detailstudien, die zur Analyse von Ereignissen wie dem jetzt erfolgten Gletscherabbruch durchgeführt werden.

Dazu zählen auch die Untersuchung der Kaskadeneffekte, die infolge eines Ausbruchs einiger periglazialen Seen entstehen würden, sowie der Beginn einer detaillierten Überwachung der Entwicklung der Ortler-Eiskappe und ihrer Bewegungen mittels LiDAR-Messungen (Light Detection and Ranging) mit Drohnen in Zusammenarbeit mit der Western Norway University of Applied Sciences.

mac