Erwachsene mit Lese- und Schreibschwierigkeiten erhalten Unterstützung

04.09.2025, 12:50

Initiative "Besser Lesen und Schreiben" wird ausgebaut – Unterstützungsstellen neben Bozen, Schlanders und Bruneck nun auch in Brixen und Meran

Stellten am 4. September das erweiterte Angebot der Initiative "Besser Lesen und Schreiben" vor: (v.l.) Brigitte Abram (KVW Bildung), Amtsdirektorin Anika Michelon und Landesrat Philipp Achammer. (Foto: LPA/Fabio Brucculeri)
Stellten am 4. September das erweiterte Angebot der Initiative "Besser Lesen und Schreiben" vor: (v.l.) Brigitte Abram (KVW Bildung), Amtsdirektorin Anika Michelon und Landesrat Philipp Achammer. (Foto: LPA/Fabio Brucculeri)

BOZEN (LPA).  Auch in Südtirol gibt es Menschen, die wenig oder gar nicht lesen und schreiben können. Die KVW Bildung bietet in Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Weiterbildung und Sprachen in mehreren Gemeinden gezielte Unterstützung für Betroffene an. Ab Anfang Oktober wird das Angebot "Besser Lesen und Schreiben" auf Brixen und Meran ausgeweitet. "Jede/jeder zehnte Deutschsprachige in Südtirol hat Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben, was nicht unweigerlich mit mangelnder Schulausbildung zu tun hat, sondern vielfach auch mit Diskriminierung, Gewalterfahrungen oder sozialen Ungleichheiten. Es ist unsere Aufgabe, diese scheinbaren Selbstverständlichkeiten zu brechen und Menschen aus dem Schambereich zu holen", unterstrich Landesrat Philipp Achammer bei der Vorstellung der Details am 4. September. Um konkrete Hilfeleistungen im täglichen Geschehen anbieten zu können, werde die Initiative "Besser Lesen und Schreiben" um weitere Standorte ausgebaut. 

Beratungsangebot anonym, kostenlos und freiwillig

Die Gründe dafür, dass Menschen Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben, sind vielfältig: gesellschaftliche Belastungen, negative Schulerfahrungen ohne individuelle Förderung sowie persönliche Faktoren wie gesundheitliche Probleme oder geringes Selbstvertrauen können eine Rolle spielen. Kognitive Einschränkungen hingegen sind nur selten die Ursache für geringe Literalität. Viele Personen mit geringer Literalität stehen mitten im Berufsleben: häufig im Handwerk, Baugewerbe, in der Landwirtschaft, Gastronomie oder im Dienstleistungsbereich. Oft arbeiten sie im Niedriglohnsektor und als Hilfskräfte. "Diese 'Schwäche' führt oft zu einem Ausschluss vom gesellschaftlichen Leben. Darum wollen wir mit dem Ausbau der Basisbildung, die für alle anonymisiert zugänglich ist, auch die Teilhabe der Menschen Schritt für Schritt steigern", hob die Direktorin des Amtes für Weiterbildung und Sprachen, Anika Michelon, hervor. 

Die individuelle Unterstützung ist vertraulich und kostenlos. Sie orientiert sich an den Alltagssituationen der Teilnehmenden. "Die bisherigen Erfahrungen in Bozen, Bruneck und Schlanders zeigen, dass der Bedarf, auch durch die voranschreitende Digitalisierung, vorhanden ist. Die Hemmschwelle, Hilfe zu suchen, bleibt aber weiterhin hoch", sagte die Leiterin der KVW Bildung, Brigitte Abram. "Lesen und Schreiben öffnet Türen, stärkt die Teilhabe, ist für Alltag und Beruf wichtig und hat auch eine wirtschaftliche Komponente", fasste Abram zusammen. Eine breite Sensibilisierung der Öffentlichkeit, auch der Unternehmen und der Arbeitgeber, für dieses Thema sei darum von großer Bedeutung. 

Zusatzinformationen

Unterstützungsstellen und Online-Fortbildung

BOZEN (LPA). Folgende Unterstützungsstellen "Besser Lesen und Schreiben" sind bereits aktiv: Bozen (dienstags, 16 bis 18 Uhr, Infos unter 0471 978 057), Schlanders (donnerstags, 16 bis 18 Uhr, Infos unter 0473 746 721) und Bruneck (donnerstags, 16 bis 18 Uhr, Infos unter 0474 413 705). 

Neu dazu kommen ab dem 7. Oktober Brixen (dienstags, 17 bis 19 Uhr, Infos unter 0472 207 978) und Meran (dienstags, 16 bis 18 Uhr, Infos unter 0473 229 537). 

Online-Fortbildung am 30. September

Die KVW Bildung bietet zudem eine kostenlose Online-Fortbildung für Personen an, die im beruflichen, ehrenamtlichen oder privaten Kontext möglicherweise mit Menschen mit geringen Lese- und Schreibkompetenzen in Kontakt kommen. Diese findet online am Dienstag, 30. September von 19 bis 21 Uhr statt, eine Anmeldung ist per Mail an brixen@kvwbildung.org nötig. 

Internationaler Tag der Alphabetisierung am 8. September

BOZEN (LPA). Seit 1966 ist der 8. September der Internationale Tag der Alphabetisierung. Die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) macht damit auf die Bedeutung von Lese- und Schreibkompetenzen aufmerksam. Das diesjährige Motto lautet "Förderung der Alphabetisierung im digitalen Zeitalter". Die UNESCO betont, dass digitale Technologien das Lernen erweitern können, gleichzeitig aber neue Formen der Ausgrenzung schaffen – etwa durch digitale Überwachung, Fehlinformation und Umweltbelastung.

In Deutschland leben laut LEO-Studie 2018 "Leben mit geringer Literalität" 6,2 Millionen Erwachsene mit geringen Schriftsprachkenntnissen, das entspricht einem Anteil von 12,1 Prozent der Bevölkerung. In Südtirol gibt es keine vergleichbare Studie, aber in ganz Italien weist laut OECD-PIAAC-Erhebung rund 27,7 Prozent der Erwachsenenbevölkerung niedrige Lesekompetenzen auf (Stufe ≤ 1 von 5), in Deutschland sind es laut dieser Studie 17,5 Prozent, in Österreich 15,3 Prozent.

red/ck